Wasser mehrmals aufkochen: schädlich? Der nüchterne Faktencheck

Wasser mehrmals aufkochen: schädlich? Der nüchterne Faktencheck

Das Wasser im Kocher ist noch warm, reicht aber nicht ganz für die zweite Tasse. Also noch mal aufkochen. Und kurz danach kommt das schlechte Gewissen, weil irgendwo zu lesen war, mehrfach aufgekochtes Wasser sei schädlich oder sogar krebserregend. Wir haben uns angeschaut, was die amtliche Faktenlage dazu wirklich hergibt, was nur Behauptung ist und was tatsächlich zählt.

Vorab, damit klar ist, wie wir hier arbeiten: Wir trennen sauber zwischen dem, was Behörden belegen, und dem, was im Netz kursiert, aber nirgends amtlich bestätigt ist. Gesundheitsthemen verdienen genau diese Ehrlichkeit.

Die drei Behauptungen, um die es geht

Im Umlauf sind vor allem drei Sorgen:

  • Aufkonzentrieren. Wer Wasser mehrmals aufkocht, lasse Wasser verdampfen und reichere so Schadstoffe wie Nitrat (das zu Nitrit werde), Arsen oder Schwermetalle an. Das Wasser werde giftig oder krebserregend.
  • Keime im Standwasser. Bereits abgekochtes, dann stehengelassenes Wasser sei wegen Keimen gefährlich.
  • Kalk in den Adern. Kalk im Wasser sei gesundheitsschädlich und „verkalke die Adern".

Jede dieser Behauptungen klingt plausibel genug, um sie weiterzuerzählen. Schauen wir, was davon trägt.

Der Ausgangspunkt: deutsches Leitungswasser ist sehr gut

Bevor man über das Aufkochen redet, lohnt der Blick auf das Wasser, das man in den Kocher füllt. Das Umweltbundesamt (UBA) hält fest, dass Trinkwasser in Deutschland „fast überall in sehr guter Qualität am Hausanschluss" ankommt und dass man es „unbesorgt trinken, genießen und für Speisen verwenden" kann, sofern es frisch und kühl aus der Leitung kommt. Quelle: Umweltbundesamt: Trinkwasser, das beste Lebensmittel.

Das ist keine Werbefloskel, sondern an Grenzwerte gebunden. Die Trinkwasserverordnung schreibt Höchstwerte vor, etwa 50 mg/l für Nitrat und maximal 10 µg/l für Blei. Wasser, das am Hausanschluss diese Werte einhält, startet also schon mit sehr niedrigen, sicheren Schadstoffmengen.

Dieser Punkt ist der Schlüssel für die ganze Aufkoch-Frage.

Mehrmals aufkochen: was amtlich belegt ist und was nicht

Hier müssen wir transparent sein. Wir haben keine deutsche amtliche Stelle gefunden, die die konkrete Behauptung „mehrfaches Aufkochen reichert Schadstoffe gefährlich an" ausdrücklich behandelt oder widerlegt. Weder BfR noch UBA noch die Verbraucherzentralen führen dazu eine eigene Stellungnahme. Wir können also keiner Behörde den Satz „das ist harmlos" in den Mund legen, denn so steht er nirgends.

Was sich aber sachlich einordnen lässt: Eine Anreicherung durch Verdampfen kann nur von dem Niveau aus starten, das im Wasser ohnehin schon vorhanden ist. Und dieses Niveau ist bei grenzwertkonformem Leitungswasser bereits sehr niedrig. Selbst wenn ein kleiner Teil des Wassers beim wiederholten Erhitzen verdampft, geschieht das von einem Ausgangswert aus, der weit unter den gesundheitlich relevanten Schwellen liegt. Eine gefährliche Aufkonzentrierung durch normales mehrfaches Erhitzen im Haushalt ist auf dieser Grundlage nicht plausibel.

Ehrlich formuliert: Die Behauptung ist amtlich nicht eigens geklärt, aber bei einwandfreiem, grenzwertkonformem Wasser nicht plausibel.

Ein Wort zum oft genannten Nitrat, weil es in der Behauptung auftaucht: Nitrat kann im Körper zu Nitrit umgewandelt werden, und Säuglinge reagieren darauf empfindlich (Stichwort Methämoglobin). BfR und UBA beziehen das allerdings auf die Qualität des Wassers an sich, also auf die Konzentration in der Leitung, und nicht auf den Vorgang des Aufkochens. Mehr dazu in den UBA-FAQs zu Nitrat im Grund- und Trinkwasser. Wer also auf der sicheren Seite sein will, achtet auf die Wasserqualität selbst, nicht auf die Zahl der Aufkochvorgänge.

Was wirklich zählt: frisches, kaltes Wasser

Es gibt durchaus Punkte rund ums Wasser, die das UBA klar benennt, und die haben mit dem Aufkochen nichts zu tun, dafür aber echte Substanz.

Kein abgestandenes Leitungswasser für Lebensmittel. Wasser, das längere Zeit in der Hausinstallation steht, sogenanntes Stagnationswasser, kann Metalle wie Blei oder Kupfer aus den Leitungen aufnehmen. Das UBA empfiehlt, Wasser, das vier Stunden oder länger in der Leitung stand, kurz ablaufen zu lassen, bis es spürbar kühler nachläuft, bevor man es zum Trinken oder Kochen nimmt. Quelle: Umweltbundesamt: Trinkwasser-Installation, auf die letzten Meter kommt es an.

Immer kaltes Wasser nehmen. Für Lebensmittel gilt: stets frisches Wasser aus dem Kaltwasserhahn, kein Warmwasser aus der Therme oder dem Boiler. Warmwassersysteme begünstigen, dass mehr Stoffe aus Materialien in Lösung gehen.

Bei alten Bleileitungen besonders aufpassen. In Stagnationswasser aus Bleirohren wird der Grenzwert oft nicht eingehalten. Das UBA rät, dass Säuglinge und Schwangere kein Wasser aus Bleileitungen nutzen sollten. Hintergründe dazu unter Umweltbundesamt: Blei im Trinkwasser.

Talkis Tipp: Die wirksamste Routine ist unspektakulär. Morgens den Hahn kurz laufen lassen, bis das Wasser merklich kühler kommt, dann frisches Kaltwasser in den Kocher. Das adressiert genau das, was amtlich belegt ist, und kostet ein paar Sekunden.

Der „flache" Geschmack: kein Gesundheitsthema

Viele bemerken, dass mehrfach aufgekochtes Wasser fader oder flacher schmeckt. Das stimmt, und es hat eine simple Erklärung: Beim Erhitzen entweichen gelöster Sauerstoff und andere Gase aus dem Wasser. Das verändert den Geschmack.

Das ist allerdings eine rein sensorische Beobachtung, keine gesundheitliche. Es gibt dazu keine amtliche Quelle, die ein Risiko belegt, weil es schlicht keines ist. Wem der Tee mit frischem Wasser besser schmeckt, der kocht eben frisches auf. Eine Frage des Geschmacks, nicht der Sicherheit.

Kalk im Wasser: gesundheitlich unbedenklich

Bleibt die dritte Sorge, der Kalk. Hier ist die Lage erfreulich eindeutig. Kalk ist chemisch Calciumcarbonat, und die Verbraucherzentrale Bayern stellt klar, dass hartes, kalkhaltiges Wasser gesundheitlich unbedenklich ist. Calcium und Magnesium, die das Wasser hart machen, sind sogar wichtige Bestandteile der menschlichen Ernährung.

Auch die populärste Schreckensvorstellung lässt sich abräumen. Laut Verbraucherzentrale Bayern ist der Irrglaube, dass hartes Wasser zu einer Verkalkung der Blutgefäße führt, unbegründet. Für Atherosklerose, also die Verengung der Gefäße, sind Blutfette und Entzündungsprozesse maßgeblich, nicht der Kalk aus dem Trinkwasser. Quelle: Verbraucherzentrale Bayern: Ist hartes Wasser ungesund?.

Warum man Geräte trotzdem entkalkt, hat also nichts mit der Gesundheit zu tun, sondern ist rein technisch und ästhetisch. Kalkablagerungen setzen Heizelemente zu, senken den Wirkungsgrad und kosten dadurch Energie, sie sehen unschön aus und können auf Dauer das Gerät beeinträchtigen. Ein verkalkter Wasserkocher braucht länger und mehr Strom für dieselbe Menge heißes Wasser. Wie sich das auf den Verbrauch auswirkt, steht im Ratgeber Wasserkocher Stromverbrauch. Entkalken bleibt also sinnvoll, nur eben aus Effizienz- und nicht aus Gesundheitsgründen.

Das Fazit in einem Absatz

Bei einwandfreiem deutschem Leitungswasser ist mehrfaches Aufkochen kein bekanntes Gesundheitsrisiko. Die Behauptung von der gefährlichen Aufkonzentrierung ist amtlich nicht eigens widerlegt, auf Basis der eingehaltenen Grenzwerte aber nicht plausibel. Was wirklich zählt und amtlich belegt ist, ist banal und wirksam zugleich: frisches, kaltes Wasser nehmen, morgendliches Standwasser kurz ablaufen lassen und kein Warmwasser aus der Therme verwenden. Kalk ist gesundheitlich unbedenklich, entkalkt wird aus technischen Gründen. Und der flachere Geschmack mehrfach gekochten Wassers ist Sauerstoffverlust, also reine Geschmackssache.

Wenn ohnehin ein neuer Wasserkocher ansteht, hilft beim Aussuchen der Ratgeber Wasserkocher kaufen, worauf achten. Die aktuelle Auswahl gibt es bei den Wasserkochern im Shop.

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